Milch – von einer Kostbarkeit, zum Billigrohstoff

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Milch, von einer Kostbarkeit zum Billigrohstoff für die Industrie

Durch die „sozialen“ Netzwerke geht hin und wieder der Spruch, das einige Menschen wohl „mehr“ (1,50 €) für ihre Milch zahlen würden, würden unsere Bauern dafür fair bezahlt werden. Da ich selber mal in einem kleinen Milchziegenbetrieb gearbeitet habe finde ich diesen Spruch immer äußerst befremdlich… wie kommt man denn auf die Idee, das 1,50 € / Liter fair wären? Für wen, den Verbraucher? Schon mal bedacht, was ein Bauer so alles an Arbeit leistet? Was ein Tier so benötigt? Täglich? Zudem irritiert mich die Tatsache, dass Demeter Milch (oder Milch direkt vom Bauern) oft weniger als 1,50 € der Liter kostet (Demeter Milch in der Mehrweg-Glasflasche: 1,39 € / Liter; an einigen „Milchtankstellen“ (direkt vom Bauern) kostet Milch des öfteren sogar nur 1,00 € / Liter)… und da hat der Bauer sicherlich mehr davon, als wenn er die Milch seiner Kühe an die Industrie und somit an die Supermärkte verkauft, bzw. verkaufen muss. Es gibt also tatsächlich Milch (und das sogar für unter 1,50 € / Liter) für welche der Bauer fairer bezahlt wird – dennoch scheinen nur die wenigsten Menschen dies wahrzunehmen und offensichtlich erstrecht nicht jene, welche diesen Spruch teilen… völlig absurd!

Doch was steckt eigentlich so alles hinter und in der Milch? Schauen wir uns das mal genauer an:

Milch ist heute ein Billigrohstoff. Es wird mittlerweile so viel Milch produziert das die Bauern (oder Landwirte) mehr mit Kuhscheisse verdienen, als mit der Milch an sich. Diese wird stattdessen oft zu tausenden von Litern (gezielte Überproduktion) in die Abflüsse geschüttet, um die Preise „stabil“ zu halten, damit der Verbraucher seine Billigmilch kaufen kann. Kleine Betriebe (bei welchen die Milch wahrscheinlich wirklich 1,50 € / Liter kostet) können bei diesem Preisdumping nicht mithalten und müssen/mussten nach und nach schließen – weil eben keiner (oder nur die wenigstens) „so viel“ für Milch bezahlen möchte. Ja, stattdessen fördern wir, wieder einmal, die großen Konzerne, brutalste Misshandlung von Lebewesen und Zerstörung unserer wunderschönen Mutter-Natur. Schließlich wollen die Tiere ja auch gefüttert werden und bei dem Spottpreis, welchen der Bauer letzendlich für einen Liter Milch erhält, muss dieser eben gucken, wo er den billigsten Fraß herbekommt. Nicht selten sind die Landwirte vertraglich sogar gebunden, woher und welches Futter sie beziehen. So landet nicht selten genetisch manipuliertes Futter aus Mais und Soja – billig angebaut in Chemie-verseuchten Monokulturen, für welche lebensnotwendige Flächen Regenwald abgeholzt werden – in den Trögen der Kühe. Das Kühe eine solch eiweißreiche Kost gar nicht vertragen, scheiss egal, man hat ja Antibiotika und Co! Und zur Not ruft die Schlachtbank.

Damit der Text den Rahmen nicht sprengt, habe ich einige Fakten zu Milch und zur Milchkuhhaltung zusammengefasst:

• in DE leben etwa 5 Millionen Kühe: mehr als die Hälfte von ihnen sehen niemals in ihrem Leben eine Wiese; mehr als ein Viertel muss in Anbindehaltung leben (sie können sich weder drehen, noch laufen, noch Fellpflege betreiben); nur ein kleiner Teil darf für etwa 5 Monate im Jahr auf die Weide und ein noch kleinerer Teil darf das ganze Jahr über auf der Weide stehen (was übrigens manchen Bauern untersagt wird – weil die „armen“ Kühe dann ja im Kalten stehen…!)
• Eine Kuh trinkt täglich (je nach Futter) etwa 60 – 120 Liter Wasser, je trockener das Futter, desto mehr Wasser muss die Kuh trinken (eine Kuh, welche auf der Weide steht und täglich frisches Grün zu sich nimmt, deckt einen Teil ihres Bedarfs über das Futter und trinkt somit wesentlich weniger Wasser, als eine Kuh welche im Stall steht und nur Heu und trockenes Futter bekommt). Zudem frisst eine Kuh etwa 20 – 30 KG Trockenmasse am Tag, während der Laktationsphase durchaus auch um ein vielfaches mehr (da diese Menge Futter auch einen Haufen Geld kostet (was die Bauern nicht haben) landet, in der Regel, billiges Futter mit genmanipuliertem Soja und Mais aus Monokulturen, für welche kostbarer Regenwald abgeholzt wurde, in den Trögen).
• Mal so nebenbei: für 1 Kilo Fleisch werden somit mindesten 10.000 Liter Wasser verbraucht!
• Bei solch enormen Menge Futter fällt natürlich auch eine enorme Menge Ausscheidungen an, etwa 74l Gülle produziert eine Kuh täglich (wir haben mittlerweile übrigens ein großes Problem mit völlig Überdüngten Felder und einer damit einhergehenden Nitratbelastung)
• nur etwa 3% der Milch kommt aus Bio-Betrieben (auch diese dürfen die Tiere in Anbindehaltung halten)
• „Hochleistungskühe“ geben etwa 10.000 – 15.000 Liter Milch im Jahr. Die Besten von ihnen geben etwa 50(!) Liter Milch täglich (natürlich wären hingegen etwa 8 Liter am Tag!). Dies ist eine körperliche Höchstleistung und starke Belastung für den Organismus. Häufig sind die Euter so dick, das die Tiere sich nur schwer bewegen können. 2016 erzeugten etwa 4,3 Millionen Milchkühe 32,8 Mio. Tonnen Milch.
• die Kühe werden vollautomatisch von sogenannten „Melkrobotern“ oder im „Melkkarussel“ gemolken
• Durch die starke (Über-)Belastung der Euter und unhygienischen Zustände in den meisten Ställen, haben die Kühe nicht selten sogenannte Euterentzündungen (Mastitis – diese wird vor allem durch Staphylococcus aureus, Streptococcus agalactiae, Streptococcus uberis, E.coli und Enterococcus sp. verursacht und verbreitet1). Trotzdem werden, in der Regel, auch die erkrankten Tiere gemolken, wodurch Eiter und (krankheitserregende) Keime in der Milch landen. Die Grenzwerte liegen hier bei: Klasse 1: bis 100.000 Keime pro ccm; Klasse 2: über 100.000 Keime pro ccm und in der S-Klasse: dürfen 50.000 Keime je ccm nicht überschritten werden, der Wert der somatischen Zellen darf 300.000 je ccm nicht überschreiten, es dürfen keine Hemmstoffe nachgewiesen und kein Wasserzusatz vermutet werden2
• Rohmilch kann u.a. mit folgenden Krankheitserregern belastet sein: Campylobacter spp., FSME-Virus, EHEC (enterohämorrhagische Escherichia coli) und Salmonella Serovar Typhimurium und sollte daher (wenn überhaupt) nur abgekocht verzehrt werden; die Erreger gelangen oft beim melken über die mit Kot verschmutzen Euter in die Milch3
• neben Euterentzündungen sind Atemwegserkrankungen (durch starke Ammoniakbelastung) und Magen-Darm-Erkrankungen (durch unpassende Fütterung, unhygienische Zustände) die häufigsten Erkrankungen bei Milchkühen; einer „Germanwatch“-Recherche zufolge (2015) erhalten Kühe etwa 1,5 bis 3,3 Mal jährlich Antibiotika, jede 10 Behandlung erfolgt mit Reserveantibiotika und etwa 80% aller Milchkühe erhalten vor Geburt ihres nächsten Kalbes Antibiotika4; das bisherige Erfassungssystem der Antibiotika-Datenbank ist nicht ausreichend, da die Meldungen unvollständig sind und Milchkühe nicht erfasst werden5
• jährlich werden etwa 1,2 Millionen Kühe geschlachtet, da sie nicht mehr „rentabel“ sind – sie sind dann durchschnittlich 4,5 Jahre alt (normalerweise kann eine Kuh etwa 25 Jahre alt werden)
• etwa 7% sind bei der Schlachtung nicht richtig betäubt, ihnen wird bei vollem Bewusstsein die Kehle aufgeschlitzt, damit sie ausbluten; etwa 180.000 von ihnen sind während der Schlachtung trächtig (in der Regel ersticken die Kälber dann im Mutterleib)
• Mit etwa 2 Jahren wird eine Kuh das erste Mal belegt. Da sie bis dahin eine „nutzlose Fresserin“ ist, experimentiert man schon seit längerer Zeit daran, Kühe so zu züchten, das sie früher belegt werden können. Etwa einmal im Jahr muss eine Kuh nun ein Kalb gebären, damit sie dauerhaft Milch gibt. In einigen Betrieben gibt es sogenannte „Trockenzeiten“ (in denen die Kuh keine Milch gibt) von etwa 8 Wochen.
• Das Kalb wird den meisten Mutterkühen direkt nach der Geburt entrissen; einigen bleiben ein paar Stunden, Tage, selten einige Wochen oder Monate, bis sie getrennt werden (normalerweise leben Kühe in Familienverbänden mit innigen Beziehungen, was eine Trennung sehr schmerzhaft macht). Derzeit „experimentieren“ einige Höfe damit, die Kälber bei ihren Müttern zulassen und diese nebenbei zu melken (wie wir oben gelesen haben produziert eine Hochleistungskuh bis zu 50 Liter am Tag, während ein Kalb etwa 8 Liter täglich benötigt)
• weibliche Kälber landen sofort oder kurze Zeit nach der Geburt in sogenannten „Kälberiglus“, in welchen sie (nach Erhalt der Biestmilch) mit Ersatzmilch/Milchaustauscher (MAT) (diese bestehen aus Fetten und Proteinen, wie u.a. Molkepulver, aber auch Weizen- oder Sojaproteinen) gefüttert werden, um dann später selber ein kurzes, trostloses Leben als Milchkuh fristen zu müssen; nur in den wenigsten Fällen (Biobetriebe) werden die Kälber in Gruppen gehalten (hier bekommen die Kälber in den ersten 3 Monaten Kuhmilch gefüttert)
• männliche Kälber (etwa die Hälfte aller, in Milchbetrieben, geborenen Kälber sind männlich, daher forscht man daran, wie vermieden werden kann, dass diese geboren werden), aber auch „überflüssige“ weibliche Kälber, werden in der Regel einige Wochen gemästet, um dann geschlachtet zu werden (Kalbfleisch); einige Kälber werden auch einfach weggesperrt, nicht mehr gefüttert, nicht selten auch erschlagen oder einfach in die Güllegrube geworfen, da sie „nutzlos“ (nicht wirtschaftlich) sind („nutzlose Fresser“); für ein Bullenkalb gibt es etwa 50,00 – 70,00 €
• die Enthornung der Tiere ist bis zur 6. Woche ohne Betäubung (seit Mitte 2015 wenigstens mit Schmerz- und Beruhigungsmittel) erlaubt; in Demeter-Betrieben ist die Enthornung nicht erlaubt
• etwa 6 bis 8 Wochen nach der Geburt wird die Kuh erneut (zwangs-)besamt (die meistens, bzw. so gut wie alle von ihnen werden künstlich befruchtet und sehen niemals in ihrem Leben einen Bullen), danach folgen 9 Monate Trächtigkeit
• Und was passiert mit der ganzen Milch? Etwa 49% werden exportiert; 37% landen in der Industrie/Ernährungsgewerbe und etwa 14% gehen an Großverbraucher.
• Für Rohmilch bezahlen die Abnehmer etwa 30 bis 37 Cent pro Liter, die Produktionskosten liegen bei etwa 25 bis 45 Liter (Preis wird durch Angebot und Nachfrage gesteuert, „teurere“ Milchprodukte werden oft nicht gekauft).
• Milchbetriebe sind bei solchen Dumping-Preisen dazu gezwungen mehr zu produzieren, damit sie mehr verdienen. Dies sorgt allerdings wiederrum für eine Überproduktion und deren Folgen (noch niedrigere Preise, Lebensmittelverschwendung und Überschwemmung des ausländischen Marktes mit deutscher Milch (was wiederrum problematisch für die dort heimischen Milchbauern ist)).
• die größten Unternehmen der Milchbranche sind: Nestlé, Danone, Lactalis, Friesland/Campina und Arla Foods

Fazit: Die Milchproduktion verschlingt unglaublich viele Ressourcen (Wasser, Futter, Anbauflächen für Futter (Regenwaldabholzung)); verursacht Leid für Tier (Krankheiten, artwidrige Fütterung und Haltung / Massentierhaltung und (nicht selten eine qualvolle) Schlachtung) und Mensch (Bauern, die trotz viel harter Arbeit nicht mehr von dieser leben können); verunreinigt durch enorme Mengen Dung unsere Böden und Gewässer und ist zudem eine Brutstätte für Antibiotikaresistente Keime (unhygienische Zustände, unsachgemäßer und unkontrollierter Gebrauch von Antibiotika). Die gesundheitlichen Auswirkungen (bei Konsum) auf den Menschen habe ich in diesem Artikel mit Absicht außen vor gelassen.

Quellen:
www.meine-milch.de
Film: das System Milch
1 https://www.milchpruefring.de/laborbetrieb/mastitis
2 https://www.lfl.bayern.de/iem/milchwirtschaft/026702/
3 https://www.lgl.bayern.de/lebensmittel/warengruppen/wc_01_milch/et_rohmilch.htm
4 https://germanwatch.org/de/11573
https://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/article/902508/antibiotika-kontrolle-milchkuehen.html

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