„Jeden Tag müssen unzählige Menschen auf dieser Welt sinnlos verhungern.“

Bis heute kämpft der 82-jährige Jean Ziegler für eine gerechtere Welt. Jetzt erscheint ein neuer Dokumentarfilm - "Der Optimismus des Willens" und ein weiteres Buch des Globalisierungskritikers und Menschenrechtlers "Der schmale Grat der Hoffnung"

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„Jeden Tag müssen unzählige Menschen auf dieser Welt sinnlos verhungern“

Obwohl wir das wissen, und oft auch ein schlechtes Gewissen dabei haben, finden wir in der Regel doch nicht die innere Kraft, dagegen aufzubegehren. Genau das wollen wir ändern. Da wir durchaus nicht so ohnmächtig sind, wie wir das selbst glauben oder uns einreden wollen, nur um unser Gewissen zu beruhigen.

Es gibt kein Naturgesetz, dass uns zwingt, uns „der neoliberalen Wahnidee zu unterwerfen“ die sagt: Wirtschaft und politisches Geschehen gehorchen unabänderlichen Gesetzen, unsichtbare Marktkräfte entscheiden über das Schicksal der Menschen und Völker. Denn die Menschheit verfügt heute längst über das Wissen und die Ressourcen, um Hunger, Unterdrückung und Tyrannei zu beenden. Aber was fehlt ist ein gemeinsames Identitäts,- und Solidaritätsbewusstsein, welches bei den meisten Menschen durch die neoliberale_Wahnidee verschüttet wurde und erst wieder freigelegt werden muss. Ziegler plädiert deshalb für eine weltweite, vernetzte Zivilgesellschaft.

Und um hier eine kritische_Masse zu erreichen, die Veränderungen erzwingen kann, appelliert der Autor an jeden Einzelnen von uns. „Ändere die Welt“ heißt eines seiner Bücher. „Alles was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der guten Menschen“ zitiert er den Philosophen Burke. Natürlich haben die Wenigsten Zugang zu den Schalthebeln der Macht. Aber jeder hat die Möglichkeit, einen (seinen) Beitrag dazu zu leisten, den Entscheidungsträgern klar zu machen, dass es nicht wie bisher weitergehen kann.
 
 Und Ziegler führt auch konkrete Beispiele dafür an, wie man in kürzester Zeit Millionen vor dem Hungertod bewahren könnte. So plädiert er etwa für das Verbot von Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel wie Mais, Getreide oder Reis. Er schreibt: „Millionen Menschen in der Dritten Welt, wo die Mutter mit sehr wenig Geld die Nahrung kaufen würde, wären gerettet“. Ein anderer Vorschlag von ihm ist die Totalentschuldung der ärmsten Länder der Dritten Welt, damit in Schulen und Krankenhäuser investiert werden kann, anstatt dass diese von den Auslandsschulden erdrückt werden.

Als Jean (geboren Hans) Ziegler vergangenen Donnerstagabend ins Frankfurter Literaturhaus zur Podiumsdiskussion mit dem Frankfurter Rechtsanwalt und Politiker Rupert von Plottnitz zur Buchvorstellung seines neuesten Buches „Der schmale Grat der HoffnungMeine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“ (Originaltitel: „Chemins d’Espérance„) erschien, war er müde. Der mittlerweile 82-jährige ehemalige Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung hat viele Kämpfe ausgefochten und blickt auf ein bewegtes Leben zurück, aber am Ende ist er noch lange nicht. Legendäre Begegnungen mit Ché Guevara, Simone de Bouvoir oder Jean-Paul Sartres formten ihn. Er erzählt von Schlüsselmomenten und lässt trotz seiner Müdigkeit und des hohen Alters zu keinem Zeitpunkt seinen Willen, seine Motivation und sein Feuer vermissen. Er wolle nie mehr, wie er sagt, „auf der Seite der Henker stehen.“

Ich bin aufgeregt und viele Fragen an den so weitgereisten Mann schießen mir in den Kopf. Aber je länger er spricht desto beruhigter werde ich. Er beantwortet die wichtigsten Fragen, denen wir uns stellen müssen! Ich bin dankbar und glücklich zugleich, dass ich diese Gelegenheit nicht versäumt habe. Eines Tages werde ich womöglich über meine Begegnung mit Jean Ziegler (wir unterhielten uns nach der Podiumsdiskussion etwa 5-10 Minuten und er signierte mir zwei seiner Bücher) so sprechen und erzählen, wie er es über seine Begegnung mit Che Guevara tut.

In seinem Buch beleuchtet er die imperialen Machenschaften hinter den demokratischen Kulissen, analysiert die Strategien der Beutejäger des globalisierten Finanzkapitals. In Sieg und Niederlage

Der schmale Grat der Hoffnung von Jean Ziegler

fragt sich der unversöhnliche Zeitzeuge angesichts der mörderischen Spiele der Mächtigen dieser Welt: Was können wir tun, damit die von Roosevelt und Churchill inspirierte Vision einer Weltorganisation politische Praxis wird und die Vereinten Nationen instand gesetzt werden, den Frieden, die Menschenrechte und den Völkern der Welt ein Existenzminimum zu sichern?


Nicht zuletzt übermittelt uns der unbeirrbare Streiter für Recht und Gerechtigkeit mit diesem lebendigen, leidenschaftlichen und sehr persönlichen Buch eine Botschaft der Hoffnung.

Immanuel Kant hat gesagt: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ Dieser moralische Imperativ ist der Motor einer neuen Zivilgesellschaft, die eine Welt nicht mehr tolerieren will, wo alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt. Dieses Bewusstsein der Identität – ich bin der andere, der andere ist ich und es gibt nichts, was uns teilt – gehört wesensmäßig zum Menschen. Das grundlegende Prinzip des kapitalistischen Systems jedoch ist die unerbittliche Konkurrenz zwischen den Individuen und den Völkern. Das Bewusstsein der Identität und der moralische Imperativ setzen eine radikal entgegengesetzte Strategie in Gang: die der Solidarität.


Die Logik des Kapitals gründet auf Konfrontation, Krieg, Vernichtung; die Logik der Solidarität gründet auf Komplementarität und Reziprozität der Beziehungen zwischen Menschen.

„Der Westen, der mit 12,8 Prozent der Weltbevölkerung eine Minderheit ist, herrscht über den Planeten seit über fünfhundert Jahren. Dieses Finanzkapital in den Händen einiger westlicher Oligarchen hat eine Macht, die es nie zuvor in der Geschichte der Menschheit ein König, ein Kaiser oder ein Papst gehabt hat. Diese Finanzdiktatur wird von den südlichen Völkern als letzte Etappe der Ausbeutung und Unterdrückungsstrategie des Westens gesehen. Die Sklavenhalter sitzen heute in den Börsen, bestimmen die Rohstoffpreise durch Spekulation und sind heute – wenn auch der Allgemeinheit nicht sichtbar – verantwortlich für den Hunger hunderttausender Menschen.“ (Jean Ziegler)

Zieglers Publikationen lösten international heftige Debatten aus. In „Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“, erschienen 2012, beschreibt er, wie es dazu kommen konnte, dass Hunderte Millionen Menschen Hunger leiden, obwohl es ausreichend Nahrung gibt. 2015 erschien „Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen“.

Am 23.03.2017 erscheint der neue Dokumentarfilm: „Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens“.

Beitrag zum Kinostart Jean Ziegler – Der Optimismus des Willens in ttt – titel thesen temperamente am Sonntag, 19.3., um 23:05 Uhr! Die Redaktion hat Jean Ziegler bei der lit.COLOGNE zur Präsentation seines neuen Buches „Der schmale Grat der Hoffnung“ (C. Bertelsmann Verlag) getroffen und Regisseur Nicolas Wadimoff in Genf. Wir sind schon sehr gespannt!

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